Was vor 60 bis 70 Millionen Jahren aus Kalkskeletten entstand und sich letztlich durchschnittlich 90 Meter mächtig und bis zu 119 Meter hoch (Königsstuhl) als Kreidefelsen auf den rügenschen Halbinseln Wittow und Jasmund formierte, bricht zusehends in die Vergangenheit ab.
Waren im Februar 2005 rund 50.000 Kubikmeter der berühmten Wissower Klinken betroffen, so verabschiedeten sich bei den jüngsten Steilküstenabbrüchen im Januar 2008 weitere 1.600 Kubikmeter Kreide- und Gesteinsmassen im Nationalpark Jasmund.
Wiederum geschmälert zeigt sich die Jaromarsburg, welche seit dem 12. Jahrhundert bereits zwei Drittel ihres Ursprungs einbüßte. Östlicher Sporn mit Teilen des verfüllten inneren Wallgrabens der Burg sowie den Weg über der Steilküste seien laut Heide Großnick, ehemalige CDU-Landtagsabgeordnete, verloren. „Nach den Uferabbrüchen vor Weihnachten war der Wallgraben, in dem viele Überreste aus der Slawenzeit vermutet werden, von See aus im Profil zu sehen“, erinnert sie sich. „Dieser Abschnitt ist jetzt komplett abgestürzt, was darin zu finden gewesen wäre, kann man jetzt nicht mehr bergen.“
Die seit Jahren stattfindenden Abbrüche im Nordosten der Insel Rügen dokumentiert eine Informationstafel am Kap Arkona. „Derzeit ist das Gelände aus Sicherheitsgründen gesperrt“, gibt Andreas Heinemann, Chef der Freiwilligen Feuerwehr in Putgarten, bekannt.
Zur Ursache jener Naturgewalten befragt, erläutert Karsten Schütze vom Geologischen Dienst des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie Güstrow: „Wir hatten hier 2007 vor allem im Jasmund viel mehr Niederschläge als sonst. Es hat im Sommer stark geregnet. Das Wasser versickert, stößt auf wasserstauende Schichten und macht das Kliff irgendwann instabil. Dazu kommt Frost, der das Wasser im Boden gefrieren und sich ausdehnen lässt, mit zerstörerischer Wirkung. Mit der Auftauperiode zu Beginn des Frühjahrs rechnen wir verstärkt mit Abbrüchen.“
Von 354 Kilometern mecklenburg-vorpommerischer Außenküste gelten 70 Prozent als gefährdet, darunter Steilküstenabschnitte wie die Stoltera bei Warnemünde, der Hiddenseer Dornbusch, Klütz-Höved bei Wismar, das Hohe Ufer (Fischland-Darss-Zingst), der Streckelsberg (Usedom) und die Granitz (Rügen). Die Wittower und Jasmunder Kreidekliffs selbst verringern sich jährlich um bis zu 30 Zentimeter. Dr. Michael Weigelt von der Nationalparkverwaltung warnt deshalb: „Gehen Sie nicht zu dicht an den Rand der Steilküste.“ Aufgrund von möglicherweise löslichen Gesteinsbrocken sei es am Strand nicht minder gefährlich. „Wer den Strand betritt, tut dies auf eigene Gefahr.“